Jahreslese: Hemmschwelle überwunden…
20. Dezember 2007 von Dr. Kai-Uwe Hellmann
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Bekanntermaßen tun wir uns in Deutschland besonders schwer, wenn es um die Verwendung des Begriffs “Gemeinschaft” geht. Die politisch wie moralisch hochproblematische Hypothek, die für uns auf diesem Begriff seit der Nazi-Herrschaft lastet - Stichwort “Volksgemeinschaft” -, hat dazu geführt, daß dieser Begriff seit Jahrzehnten beinahe völlig aus dem Verkehr gezogen war. Und selbst wenn sich die Verwendung offenkundig aufdrängte, suchten wir sie zu vermeiden - wenn es sich nicht gerade um einen Terminus technicus handelte wie “Europäische Gemeinschaft”.
Gut beobachten läßt sich diese Vermeidungsstrategie an der öffentlichen Berichterstattung über alles, was das Web 2.0 und damit verbundene Optionen betrifft. Denn ein zentraler Aspekt des Web 2.0 ist die Rede von “Communities“, um die es sich dabei ganz besonders dreht, und die unverzügliche Übernahme dieser Redewendung, ohne auch nur ansatzweise in Frage zu stellen, weshalb wir im Deutschen nicht das entsprechende Äquivalent “Gemeinschaften” dafür einsetzen sollten.
Dies war so über Jahre hinweg - bis in das Jahr 2007 hinein.
Denn im Laufe von 2007 kam es zu einer Kehrtwendung in der öffentlichen Sprachpolitik. Nimmt man hierfür als Maßstab ein renommiertes überregionales Printmedium, bietet sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) an - wobei die genaue Datierung und irgendeine statistische Präzision oder Repräsentativität dieses Trends hier völlig nebensächlich sind.
- Ein Anfang wurde schon Ende 2006 gemacht, in dem FAZ-Artikel “Youtube ist Aufsteiger des Jahres” vom 27. Dezember:
Der klare Gewinner im Internet heißt aber Google. Denn die Suchmaschine hat sich mit Youtube nicht nur die am schnellsten wachsende Web-2.0-Gemeinschaft gekauft, sondern hat selbst fast 27 Millionen neue Nutzer in diesem Jahr dazugewonnen.”
- Am 24. Januar war dann in einem FAZ-Bericht über Videos als den neuen Wachstumstreibern im Internet von “der deutschen Studenten-Gemeinschaft StudiVZ” die Rede, kurz darauf von “Videogemeinschaften” im allgemeinen, und zum Schluß des Beitrags wurde von “Online-Gemeinschaften” ganz ohne jede Spezifikation gesprochen.
- Am 10. April tauchte im FAZ-Artikel “Auf den Spuren von Youtube und Myspace” die Formulierung “Online-Gemeinschaft” auf, wenngleich nur einmal.
- Mehrfach geschah dies am 18. April in einem FAZ-Artikel, der sich mit dem rasanten Wachstum von StudiVZ beschäftigte und die Bezeichnungen “Online-Gemeinschaften” und “Videogemeinschaften” ohne weitere Einschränkungen und Erläuterungen benutzte.
- In einem FAZ-Artikel “Die Blogosphäre hat ihren Zenit überschritten” vom 21. Mai hieß es in der Unterzeile:
Zahl der Blogs wächst langsamer / Nur jedes fünfte Tagebuch wird aktualisiert / Online-Gemeinschaften wie Myspace sind Alternativen
- Im FAZ-Wirtschaftskommentar “Erntezeit in der Online-Werbung” konnte man am 1. Juni lesen:
Neben den großen Internetportalen wie Yahoo entwickeln sich auch die populären Online-Gemeinschaften wie Myspace oder Youtube, in denen die Nutzer unter dem Schlagwort Web 2.0 eigene Inhalte erstellen, zu wichtigen Werbeträgern. Nicht umsonst haben Medienzar Rupert Murdoch und Google viel Geld für diesen beiden Gemeinschaften bezahlt; viele weitere Web-2.0-Gemeinschaften warten nur auf die passenden Angebote.
- Am 4. Juni kündigte der FAZ-Artikel “Das Internet als soziales Erlebnis” im Untertitel an:
Google-Chef Eric Schmidt: Das gesamte Leben wird zu einer historischen Akte / Online-Gemeinschaften verändern Wirtschaft und Gesellschaft
- In der FAZ-Ausgabe vom 9. Juli lautet die Unterzeile zur Headline “In zwei Jahren wurde MySpace die größte Internetseite Deutschlands sein”:
T-Online überholen, E-Mail-Dienste kannibalisieren, Werbekunden überzeugen - Travis Katz, Manager der Online-Gemeinschaft, setzt vor allem auf Wachstum”
- Am 10. August hieß es einem FAZ-Artikel anläßlich des am 20. Januar 2006 im Internet angekündigten und am gleichen Tag auch vollzogenen Selbstmordes des Kanadiers Chris McKinstry:
Sicher ist Suizid unter Anteilnahme einer verschworenen Netzgemeinschaft nicht das, was sich die Propheten der zweiten Internetgeneration unter Web 2.0 vorstellen. Trotzdem ist das Gemeinschaftsgefühl, von dem ihre Visionen handeln, am hektischen Protokoll dieses angekündigten Todes auf eine sehr berührende Weise ablesbar.”
- Am 18. August konnte man in der FAZ lesen, und zwar erneut in der Unterzeile der Headline “Web 2.0 beflügelt Online-Werbung”:
Gemeinschaften wie MyVideo verschieben die Gewichte / Sevenone Interactive schafft Aufstieg in Spitzengruppe”
- Am 3. Dezember wird in dem Artikel “Das Netz der Teenager-Träume” die Plattform “Piczo” mit den Worten vorgestellt:
Piczo ist die größte Teenager-Gemeinschaft der Welt - aber keine übliche Web-2.0-Community. Es geht vor allem um Selbstdarstellung.”
- Schließlich lautete die Zwischenbilanz zu Web 2.0 in dem Artikel “Youtube und Glam sind Aufsteiger des Jahres” am 24. Dezember:
2007 war das Jahr des Web 2.0: Eine Videogemeinschaft, eine Frauengemeinschaft und eine Schülergemeinschaft führen die Ranliste der schnellstwachsenden Internetunternehmen des Jahres an.”
Offenbar ist damit jede Hemmschwelle überwunden worden: Was früher äußerst knapp war, über lange Jahre hinweg, erfährt innerhalb nur eines Jahres eine geradezu inflationäre Verbreitung, als ob es diese historisch-moralische Hypothek nie gegeben hätte - vielleicht nur ein Zeichen für eine längst überfällige Normalisierung unserer Sprachkultur? Bedeutet Normalisierung qua Inflationierung aber nicht auch Sinnentleerung?
Feststeht, daß die Verwendung des Gemeinschaftsbegriffs in der öffentlichen Berichterstattung wie selbstverständlich vorkam und sich seitdem fest etabliert hat, wenngleich die Headlines davon bislang noch verschont bleiben. Offenkundig ist jedenfalls, daß der Begriff “Gemeinschaft” wieder salonfähig geworden ist, zumindest in Verbindung mit dem Web 2.0-Hype und durch Anleitung des Angelsächsischen.
Was aber hat diese Wiederbelebung des Gemeinschaftsbegriffs tatsächlich zu bedeuten? Dies ist der Fall - aber was steckt dahinter? Ist es ein flächendeckendes Phänomen oder nur eine Eintagsfliege? Bleibt dessen Einsatz auf das Internet begrenzt, oder ist damit zu rechnen, daß auch anderswo vermehrt darauf zurückgegriffen wird? Und warum kommt es zu diesem Sinneswandel, was motiviert ihn?
(Laut Google gibt es zum Begriff “Gemeinschaft” 20.200.000 Einträge mit Datum vom 12. Januar 2008.)
[...] vor, das verstehen hilft, weshalb die Nachfrage nach dem “Community”- und inzwischen auch dem Gemeinschaftsbegriff derart wieder zugenommen hat? Läßt sich die Rede von [...]
[...] eine “Rückkehr in die Gemeinschaft”, und so sehr gerade der Gemeinschaftsbegriff als hochproblematisch gebrandmarkt war, sprach sich Korczak doch gerade für ihn aus. Als erstrebenswertes Ziel einer bestimmten Form [...]