In allerlei Publikationen und Präsentationen, in denen es um eCommerce geht, und sei es nur, um das eigene Geschäftsmodell für spätere Akquisitionen attraktiv zu machen, wird der Terminus “community” gerne und häufig verwendet, ohne daß dieser Verwendungsweise eine entsprechende Datenanalyse zugrunde liegt.
“Community” ist ein Zauberwort geworden (früher sagte man auch “Plastikwort” dazu), das große Besuchermengen verheißt, “busy traffic”, weil große Zahlen faszinieren – damit scheint die halbe Ernte schon eingefahren.
Und doch drückt sich darin nicht viel mehr als ein Zahlenfetischismus aus, eine Art “large quantity addiction”, wie Niklas Luhmann sie auch für die Massenmedienberichterstattung ausgemacht hat:
Ein besonders wirksamer Aufmerksamkeitsfänger sind Quantitäten. … Über Quantifikationen können also substanzlose Aha-Effekte und zugleich mehr Informationen für die erzeugt werden, die sich auskennen. Außerdem gilt zusätzlich das größere Informationsgewicht der großen Zahl, vor allem bei örtlich und zeitlich kompakten Ereignissen (viele Tote bei einem Unfall, Riesenverluste bei einem Betrug”
- und man könnte hier ergänzen: viele Besucher auf einer Website!
Unter Aspekten der Selbstpräsentation, des Aufhübschens und Schönmachens (um von ästhetischer Prostitution gar nicht erst zu sprechen) ist dies alles höchst ehrenwert. Und doch bleibt die Frage: Worin besteht der Informationswert der großen Zahl, und welche Wissensqualität vermittelt sich damit?
Schließlich besteht noch die Möglichkeit, daß der Terminus “community” nicht bloß als Chiffre für große Zahlen fungiert, sondern schlichtweg eine Mode des Marketing, ein neues “buzz word” darstellt, das nicht viel aussagt, aber gerade im Trend liegt. Demnach hängt am “Community”-Begriff gar nichts, es gibt nur Oberfläche, keine Tiefenstruktur, nichts dahinter. Der Verwendung dieses Begriffs entspricht nichts real existierendes, oder zumindest ist die Bezeichnung “community” nicht zwingend – jeder andere Begriff, der hohe Quantitäten symbolisiert, tut es ebenso gut.
Doch steckt im Begriff der “Community” (um vom Gemeinschaftsbegriff noch zu schweigen) nicht ungleich mehr Potential? Umgibt diesen Begriff nicht eine ganz eigentümliche Aura, die weit über das hinaus geht, was sich bloß zur Repräsentation großer Zahlen eignet? Zielt dieser Begriff nicht auf eine soziale Utopie in Zeiten des Umbruchs? Einen Anti-Modernisierungseffekt, der bewahren möchte, was verloren geht? Nicht “Prinzip Verantwortung”, auch nicht “Prinzip Hoffnung”, sondern “Prinzip Gemeinschaft”? Und sollte man dann nicht mehr liefern als die Illusion großer Zahlen? Nicht bloß Quantitäten, sondern auch Qualitäten?
So könnte man doch fragen: Welche Wichtigkeit kommt einer Website für die Lebensführung ihrer Mitglieder zu? Was passiert, würde es zur Exklusion kommen, zum Verlust der Mitgliedschaft? Welche Leerstelle würde damit auftauchen? Wäre der Verlust so ohne weiteres substituierbar? Und falls: durch was, wie schnell, und was kostet das emotional? Kommt es zu irgendeiner Form von Trauerarbeit, oder bloß zum Weiterschlendern, virtuelles Flanieren durchs Internet, ohne Bindung und Bedeutung? Wäre das noch “community”-indizierend?
Hallo Herr Hellmann,
Ich muss mich als leidenschaftlicher Zahlenschubser mit (gespielter) Entrüstung zu Wort melden…
“Community” ist kein fest definierter Begriff, der ein bestimmtes Mitglieder-Involvement voraussetzt (Sie können mich hierzu gerne belehren). Insofern ist es nicht vermeidbar, dass dieser Begriff heute inflationär verwendet wird: Er impliziert ein hohes Involvement, kann den Beweis hierzu dennoch schuldig bleiben. Insofern stimme ich Ihnen zu, dass wir möglicherweise eine klarere Definition von “Community” bräuchten, damit dieser Begriff seinen Wert nicht verliert.
Aber: Das Involvement der Mitglieder an sich spielt für die Vermarktung einer Community (imho zurecht) keine Rolle – statt dessen zahlreiche Variablen, die durch das Involvement determiniert werden. Da kommt der “Zahlenfetischismus” ins Spiel: Verweildauern, Visits pro Mitglied, PIs, Klickraten auf bestimmte Elemente etc. resultieren doch letztlich genau aus diesem Involvement. (Mitgliederzahlen an sich, da stimme ich Ihnen zu, zählen nicht dazu.)
Solche Maßzahlen sind nicht nur deutlich einfacher, valider und standardisierter zu erheben als das abstrakte Involvement, sondern liefern darüber hinaus einen konkreten Nutzen für die Vermarktung einer Plattform. Verbessere ich beispielsweise meine PIs, erhöhe ich meine Werbeeinnahmen. Verbessere ich das Involvement der Mitglieder, habe ich davon erst mal gar nix.
Platt gesagt: Als Betreiber kann mir die “Wichtigkeit einer Website für die Lebensführung meiner Mitglieder” schnurz sein, so lange diese Mitglieder regelmäßig wiederkommen und sich vernünftig monetarisieren lassen. Quantitäten resultieren in der Regel aus Qualitäten (zumindest in einem freien Markt). Involvement ist für einen Plattform-Betreiber damit nur der Weg zum eigentlichen Ziel – und das ist nun mal der substanzlose, illusorische und offensichtlich auch modische Cash.
Mit einem zwinkernden Auge,
Michael
Absolut d’accord, die Verwertungslogik hat ihr Eigenrecht.
Nur zwei “objections”: Zum einen mag es auch unter ökonomischen Gesichtspunkten rational sein, die “Wichtigkeit einer Website für die Lebensführung meiner Mitglieder” als nicht völlig “schnurz-piep-egal” zu behandeln, weil andernfalls profitables Potential verschenkt wird – ganz und gar abwegig? Und zweitens gibt es auch noch die Außenseite solcher Prozesse, die Konsumenten und Kunden da draußen: Wie denken diese darüber? Welche Erwartungen und Ansprüche treiben diese Menschen an? Web 2.0 legt den Fokus doch gerade auf die “user-partizipation”, auf “user-generated content”, auf die Eigenmotivation und Eigendynamik seitens der Nutzer: Wenn gerade diese nun mit dem “Community”-Begriff am Ende substanziell mehr verbinden als die Plattformbetreiber, wäre es bedenkenswert, dies frühzeitig mit in Rechnung zu stellen und nicht solange wie das klassische Massenmarketing abzuwarten, um dann viel zu spät zu realisieren: Der Kunde ist tatsächlich König, und es Lichtjahre später heißt: “The end of mass marketing: or, why all successful marketing is now direct marketing” (Andrew R. Thomas, Journal of Direct Marketing, Vol. 1, No. 1, 2007). Übertragen auf unseren Fall würde das heißen: “The end of just pretending to do community orientated marketing: or, why all successful marketing is now essential community marketing”. Es ist viel mehr drin, und es steht viel mehr auf dem Spiel.
Übrigens wird Robert V. Kozinets auf dem Best Brands 2008 am 14. Februar in München über “eTribalized Branding: The Online Communal Revolution” sprechen, das betrifft genau diese Problemstellung.
Herr Hellmann, ich freue mich schon auf Ihre Teilnahme an “unserem” Barcamp in Hannover. Ich würde mich sehr über eine Session freuen, in der Sie ev. mit einem Community-Marketer über “pretended community marketing” diskutieren oder in der Sie aus Ihrer Sicht geeignete konkrete Analysekonzepte für die Qualität einer Community vorschlagen.
Weit mehr als an der Relevanzerkenntnis für das Marketing mangelt es mir derzeit an der Phantasie, den konventionellen Zahlenfetischismus zu durchbrechen. Ich denke, da könnte ich (und ich wage zu behaupten: nicht nur ich) viel von Ihnen lernen.
Hallo Herr Ellensohn, für eine Präsentation konkreter Analysekonzepte ist es noch zu früh, aber für ein “Streitgespräch” mit einem “Community-Marketer” über “pretended community marketing” stünde ich durchaus zur Verfügung – besorgen Sie einen? für den 23. Februar?
Ich werde es versuchen!
*hände*reib*
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