Gemeinschaft als Einheitssemantik?
24. Dezember 2007 von Dr. Kai-Uwe Hellmann
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Am 24. Dezember 2004 veröffentlichte Karl Otto Hondrich in der FAZ einen Artikel, der die soziale Funktion von Weihnachten zum Thema hatte. Eingangs nimmt er kurz Bezug auf die Kritik an der zunehmenden Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes, und auch die religiöse Dimension dieser Tage kommt zur Sprache. Im weiteren Verlauf konzentriert sich Hondrich jedoch auf das, was für ihn den Kern dieses Festes ausmacht: die Familie. Denn für ihn ist Weihachten in erster Linie ein Familienfest.
Hondrich entwickelt dieses Verständnis von Weihnachten anhand der „Weihnachtsregeln“, wie sie vor 28 Jahren von Theodor Caplow, ebenfalls einem Soziologen, zusammengetragen wurden und die eine erstaunliche Vielfalt und große Akribie besitzen, etwa hinsichtlich der Geschenke-Ordnung, die in ihrem komplizierten Aufbau das reale „System von Gefühlsbeziehungen“ (Hondrich) widerspiegeln soll, das im jeweiligen Familien- und Verwandtschaftssystem − idealtypisch geglättet − als gegeben unterstellt wird.
Im Ideal ist die Familie auf schöne und tiefe Gefühle gebaut.“
Im Kern geht es an Weihnachten darum, eine außeralltägliche Innerlichkeit zu inszenieren, die primär nur die Familie betrifft. „Die oberste Weihnachtsregel: die Liebe soll es richten.“ Das Weihnachtsfest verfolgt gewissermaßen eine besonders heikle Mission, indem Familie in Reinkultur exerziert werden soll. Hondrich spricht in diesem Zusammenhang von einem umfassenden „Harmonie-, Besinnungs- und Ruheanspruch“, der mit diesem Fest verbunden wird und der es gerade deshalb so riskant macht, so nahe an die Schwelle des ständigen Scheiterns heranzwingt.
Daß die Familie die Quelle unseres Lebens und unser Auffangbecken ist, wird, im Jahresrhythmus, feierlich symbolisiert: Das Leben ist nicht nur ein Fortschreiten, sondern auch ein Zurückkehren; es beschreibt eine Linie, aber auch einen Kreis; er schließt sich nicht nur einmal zwischen Geburt und Tod, sondern alljährlich, wenn diejenigen zusammenkommen, die einander durch Geburt verbunden sind.“
Doch begreift Hondrich Weihnachten nicht bloß als das Familienfest par excellence, vielmehr ist Weihnachten auch ein auf die Gesellschaft insgesamt bezogenes Integrationsfest, das für den „Zusammenhalt des Ganzen“ sorgen soll.
Einen Augenblick lang besteht Gesellschaft nur noch aus einem: Familie. … Was bleibt, ist Familie. … So erzeugt Weihnachten einen Einklang der Gefühle und eine Bindekraft, die über die Familie hinausreicht.“
Die Familie fungiert damit gerade zur Weihnachtszeit als eine zentrale Integrationsmaschine, die weit über jene hinaus, die einer konkreten Familie jeweils angehören, mit dem Großen und Ganzen, mithin der Gesellschaft als solcher versöhnen und verbinden soll.
Der normative Gehalt dieser Überlegungen ist offenkundig, die Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit ebenfalls. Das macht Weihnachten so explosiv. Doch gerade dieser normative Gehalt, dieses Erwartungs- und Anspruchsgeladene, ja -überladene an Weihnachten als Familienfest und letztlich an der Institution „Familie“ ist hier bedeutsam. Denn diese spezielle Institution „Familie“, obgleich sie für das gesellschaftliche Leben vordergründig kaum noch eine tragende Rolle spielt und immer stärker ins Hintertreffen gerät, besitzt beinahe ein Monopol dafür, was Hondrich den „Zusammenhalt des Ganzen“ genannt hat. Was sonst − normativ betrachtet − verspricht gleichermaßen dazu beitragen zu können, die Einheit der Gesellschaft wieder herzustellen, erfahrbar zu machen? Das Fernsehen vielleicht?
Insbesondere Peter Fuchs hat sich in seinem Buch „Die Erreichbarkeit der Gesellschaft“ mit dieser Frage befaßt, und Familie rangiert dabei an vorderster Stelle, wenn es um die Frage der Wiederherstellung der Einheit von Gesellschaft geht. Freilich gleicht eine solche Wiederherstellung einem grandiosen Zauber. Es ist Magie mit doppeltem Boden, eine Simplifikation dessen, was Gesellschaft „wirklich“ ausmacht, Reduktion von Komplexität ohne Ende − bis auf eine elementare Form zurück: die Familie, die heutzutage bloß noch ein Nischendasein zu führen scheint. Ihre Normativität hat sie dennoch behalten, ja mehr noch erfährt Familie eine ständige Aufwertung, je mehr sich abzeichnet, daß die Gesellschaft als Einheit nicht mehr vermittelt werden kann.
Aus diesem Grund gibt es Einheitssemantiken, so Fuchs. Einheitssemantiken sind Narrationen, Ideologien, religiös anmutende Gebilde, die exklusiv Einheitserlebnisse, Geborgenheit, Vollinklusion versprechen. Wer sich solchen Gebilden anschließt, läßt seine soziale Ortlosigkeit, Entfremdung, Zerrissenheit hinter sich, geht auf in einem größeren Ganzen, verschmilzt mit Gleichgesinnten, findet seinen festen Platz in der sozialen Ordnung dieser konkreten Bezugsgruppen. Alles wird gut - so lautet zumindest die Heilsbotschaft, das “Evangelium” solcher Gebilde.
Womit wir es hier zu tun haben, ist freilich “nur” Semantik, Rhetorik, Sprache, normativ hochgradig aufgeladen, Wunschdenken, dabei durch und durch modern, weil auf die Strukturen, Prozesse, Probleme der modernen Gesellschaft bezogen, und ein Versprechen leistend, das als solches nie oder nur von kurzer Dauer eingelöst werden kann, aufgrund seiner Beständigkeit aber offensichtlich eine stetige Nachfrage erfährt, selbst wenn die damit geweckten Erwartungen und Ansprüche am Ende des Tages immer nur wieder enttäuscht werden (können). Offenbar stirbt die Hoffnung zuletzt, weshalb sich aufgrund dieses unstillbaren Bedürfnisses nach solch illusionären Einheitserfahrungen gleichsam ein eigener Markt für dergleichen spirituelle Sinnangebote herausgebildet hat, der rein semantischer Natur, rein auf Bedeutungen, Versprechungen, Verheißungen bezogen ist: das Imaginativ-Symbolische als ganz und gar intangible Ware.
All das betrifft nun auch und gerade den Begriff der Gemeinschaft, insbesondere wenn man nach der Einheit der Gesellschaft fragt, so Fuchs. Denn am Gemeinschaftsbegriff hängt mindestens ebenso viel Communio-Potential wie am Familienbegriff, die beide herausragende Exemplare dafür sind, was Fuchs „Communio-Konzepte“ genannt hat:
Der Erfolg solcher Communio-Konzepte beruht darauf, daß Sozialsysteme, die sich ihrer bedienen, intern und extern attraktiv für psychische Systeme wirken, die sich (mit der Ausnahme ihrer jeweiligen Familien selbst) in der Welt als Zurechnungspunkt für multiple Personalitätsansinnen vorfinden und sich damit erleben als uneinheitlich, in immer anderen Kontexten immer anders fragmentarisch. Psychisch mag das einleuchten als Sehnsucht nach intrauteriner Geborgenheit, nach Bergung, nach Anerkannt-sein (als Ganzes) mit Vorzügen und Defekten (hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein). Sozial gesehen, wird diesem Bedarf Rechnung getragen durch die (außerfamiliär illusorische) Konstruktion von Komplettpersonen, die in allen ihren Hinsichten relevant sind für das konstruierende Sozialsystem. Vom Eisenbahnmodellbauverein über Fanclub-Communio bin hin zum Konzern oder zur Partei (Warum duzen sich die Genossen?) erstreckt sich die Palette des Einsatzes von Communio-Konzepten.“
Nun, liegt damit vielleicht ein Deutungsangebot vor, das besser verstehen hilft, weshalb die Nachfrage nach dem “Community”- und inzwischen auch dem Gemeinschaftsbegriff derart wieder zugenommen hat? Läßt sich die Rede von “Communities” und “Gemeinschaften” identifizieren als die Ingebrauchnahme einer Einheitssemantik, die letztlich rekurriert auf die Zerrissenheit der Welt, wie sie sich vom Standpunkt des je einzelnen darstellt? Ist die Emergenz dieser Einheitssemantik vielleicht Symptom für den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft? Eine Art Sensor, Seismograph für unterschwellige Beben, die das soziale Gefüge durchlaufen und erschüttern?
(... falls Interesse besteht: das Schriftenverzeichnis von Prof. Dr. Peter Fuchs)
[...] diesem Sinne kann nun gesagt werden, daß auch der Volksbegriff eine Art Einheitssemantik darstellt, ein durch Sprache vermitteltes Bemühen um die Integration der sozialen Differenzierung [...]
[...] ein fest ritualisiertes Prozedere abspult. Es handelt sich hierbei um die Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest, die mehrheitlich in den Händen von (Haus-)Frauen liegen, rein episodisch auftreten und von ihrem [...]