Rückkehr zur Gemeinschaft: Kleine Netze
12. Januar 2008 von Dr. Kai-Uwe Hellmann
1981 veröffentlichte Dieter Korczak in “fischer alternativ” eine kleine Studie, die sich mit kleinen Netzen beschäftigte. Dieser Begriff des kleinen Netzes war zur damaligen Zeit eine Wortneuschöpfung. Aus diesem Grunde stellt sich die Frage: Was ist unter einem kleinen Netz zu verstehen?
Zum Zwecke der Beantwortung dieser Frage folgen einige Angaben aus dem Text.
1. Zur Binnenverfassung kleiner Netze kann gesagt werden, daß sie gemeinschaftlich getragen werden, demokratisch gewachsen und überschaubar sind.
2. Kleine Netze ziehen eine Vielzahl von Personen mit unterschiedlichsten Motiven an, wenngleich es einen kleinsten gemeinsamen Nenner gibt: die Suche und Sehnsucht nach einer anderen Form des Lebens.
Das Kleine Netz ist für einige seiner Mitglieder Endstation einer langen Reise, für andere nur Zwischenstation und für viele der erste Versuch, anders leben zu wollen. Allen gemeinsam ist die Suche nach dem ‚Anderen’, der Absage an Isolation, sinnloser Produktivität, dem mehr Gegeneinander statt Füreinander, lebensentmutigender Konformität, betongemischter Frustration, kurz: der Wunsch nach einer sinnbesetzten Lebensform.”
3. Freilich geht dieser Hang zum Alternativen nicht bis ins Extreme hinein. Vielmehr steht das Moment der Lebensqualität im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Die Kleinen Netzwerke sind nicht Ausdruck von konspirativen Vereinigungen von Geheimbünden. Ihre Bewohner sind keine Ideologen, keine politischen Weltveränderer, in der Mehrzahl sind es 20-40jährige Sympathisanten einer besseren Welt, in der das Individuum Platz hat, in der Gemeinschaft gelebt wird, in der die Bäume grün bleiben dürfen, müssen. Das klingt banal, fast naiv und ist doch voller Perspektive.“
4. Dies zeigt sich besonders daran, daß keine alternativen Gesellschaftsentwürfe, keine großartigen Utopien entwickelt werden, kein Umsturz der Gesellschaft im allgemeinen geplant ist, sondern daß die Mikropolitik des wechselseitigen Umgangs miteinander, der direkte Kontakt mit anderen, das persönliche Beziehungsumfeld, das Familiär-Vertraute der eigenen Lebenswelt der primäre Bezugspunkt sind.
Die Qualität der zwischenmenschlichen Kontakte sollte verbessert werden, die Gespräche sollten intensiver und weniger ritualisiert ablaufen, Fassaden sollten wegfallen, Menschen sollten nicht mehr als Persönlichkeitshülsen und Funktionsträger miteinander umgehen, sondern als Menschen mit Schwächen, Eigenarten, Stärken und besonderen Merkmalen. Ein intensiver Gefühlsaustausch wurde von dem Leben im Kleinen Netz erwartet, aber nicht in der neurotischen, hochaffektiven Form, wie er zur Entwicklung pathogener Familienstrukturen in vielen Kleinfamilien führt.“
5. Unterstützung erfuhren diese Initiativen übrigens dadurch, daß die Chancen wechselseitiger Begegnungen gezielt bedacht und verbessert werden sollten.
Die Kommunikation wird auch durch die architektonische Struktur und den Aufbau der Plätze und Räume erleichtert. … Im Kleinen Netz … trifft man sich einfach”
6. Freilich, weil diese Initiativen Ende der 1970er Jahre recht viel Aufmerksamkeit auf sich zogen und der Zustrom auswärtiger Besucher erheblich war, ergaben sich daraus auch Probleme, die Intimität und Integrität dieser kleinen Netze zu bewahren.
Der Umgang mit dieser Form der Öffentlichkeit ist für die Kleinen Netze sehr schwierig. Man weiß, daß der permanente Besucherstrom die gewünschte Alltäglichkeit des Lebens eben gerade verhindert und damit auch die Form des Zusammenlebens in Kleinen Netzen behindert.“
7. Und auch intern wuchsen die Probleme aufgrund des rasanten Mitgliederzuwachses, da diese kleinen Netze eine beträchtliche Attraktivität besaßen.
Mit der Zunahme von Kommunikationspartnern, wenn die Zahl der am Gespräch Beteiligten zu groß wird, verflacht in der Regel auch das Gespräch, denn die Angst, sich zu entblößen, ist auch in Kleinen Netzen noch sehr groß. Das liegt zum einen an der Größe der Kleinen Netze, die für viele ein Problem ist. Als ideale Gruppengröße zur Kommunikation wird nämlich angegeben, daß es nicht mehr als zehn Leite sein sollten. Zum andren liegt es aber auch daran, daß die Kleinen Netze ein ‚Gefühlspuff’ sind, d.h. es ist noch ein starkes Unvermögen da, Gefühle auszudrücken.“
8. Und es soll auch nicht verschwiegen werden, daß diese kleinen Netze, so sehr sie dem Mikropolitischen verhaftet waren, doch auch Anlaß gaben, die darin zu realisierenden Lebensverhältnisse durchaus romantizierend zu verklären.
Das Kleine Netz hat etwas von der Faszination eines Dorfes, einer Gemeinschaft, wie man sie real fast nie dauerhaft wiederfinden wird, sondern wie sie sich nur als phantastische Vorstellung bilden kann.“
9. Ein letzter Punkt, der noch bedeutsam ist, betrifft ihre Erfolgsbedingungen. So ist entscheidend, daß die eine Grundübereinstimmung besteht, was die jeweiligen Motivlagen und Erwartungshaltungen angeht, deretwegen man an solchen kleinen Netzen teilnehmen möchte. Darüber hinaus braucht es eine gewisse Geduld, bis ein kleines Netz richtig ins Laufen kommt, und dies kann durchaus einige Jahre in Anspruch nehmen.
Um ein Kleines Netz zu weben, muß man sich über seine Empfindungen und Bedürfnisse klar werden und eine Gruppe von ähnlich empfindenden Menschen suchen. Das ist zwar der erste, wichtigste und größte Schritt, jedoch bei weitem nicht der letzte, denn bei diesem Vorhaben sollte sich jeder darauf einstellen, daß einige Jahre ins Land gehen können, bis dann das Kleine Netz auch wirklich als konkretes Haus oder als Siedlung irgendwo im Lande steht.“
10. Das letzte Zitat deckt nun auch auf, worum es sich bei diesen kleinen Netzen tatsächlich handelte: Es waren spezielle Kommunen, Wohnsiedlungen, größere Wohngemeinschaften sozusagen, die oft mehrere Häuser umfaßten, in denen mehrere Paare und Familien lebten, um eine neue Form des Zusammenlebens und Zusammenwohnens auszuprobieren.
Korczak begriff diesen Trend Ende der 1970er Jahre als eine “Rückkehr in die Gemeinschaft”, und so sehr gerade der Gemeinschaftsbegriff als hoch problematisch gebrandmarkt war, sprach sich Korczak doch gerade für ihn aus.
Als erstrebenswertes Ziel einer bestimmten Form des Zusammenlebens, als Metapher und Symbol gegen entfremdetes Agieren in Rollenspielen und für eine urchristliche Fraternité hat der Begriff der Gemeinschaft jedoch noch nicht ausgedient.“
Denn für Korczak gab es nicht bloß die belastete Vergangenheit, die mit dem Gemeinschaftsbegriff für uns so unweigerlich verbunden ist, sondern auch eine hoffnungsvolle Zukunft, die sich daran knüpfen ließ.
So schrieb er vor mehr als 25 Jahren:
Kleine Netze sind für fast alle von ihnen und auch für mich nicht nur eine Rückkehr in die Gemeinschaft, sondern vielmehr ein ‚Fortschritt’ in die Zukunft. Sie sind eine Chance zur Auseinandersetzung und Bewältigung derzeitiger und prognostizierter Schwierigkeiten der hochentwickelten Industriegesellschaften. Kleine Netze sind eine Hängematte, in der es sich gut ruhen läßt und aus der man frisch, erholt und vital zu neuen Taten schreiten kann.“
Betrachtet man nun im Nachhinein nochmals, was Korczak über kleine Netze ausgesagt hat, dürfte offenkundig werden, in welchem Maße sich alle diese Aspekte, die er anführt, auch auf neue Formen von “Online Communities” beziehen lassen, soweit es ihre (Selbst-)Propagierung betrifft, obgleich Korczak damals nur solche Wohnsiedlungen im Auge hatte.
Möglicherweise, ähnlich wie bei Ray Oldenburgs Dritten Orten denkbar, hat sich inzwischen ja eine Metamorphose dessen ereignet, was Korczak die “Rückkehr in die Gemeinschaft” genannt hat, im Sinne eines Syndroms, indem nicht bloß im “real life”, sondern auch - oder mehr denn je - im “virtual life” sich solche Erwartungen ausbilden, verbreiten und erfüllen sollen, wie Korczak sie für die kleinen Netze beschrieben hat.
Ob dies jedoch gelingen wird, ist zum Augenblick noch weitgehend ungeklärt.
(Dieter Korczak: Rückkehr in die Gemeinschaft. Kleine Netze: Berichte über Wohnsiedlungen. Frankfurt/M.: Fischer 1981, ferner gibt es einen diesbezüglichen Text von Georg Zinner aus dem Jahre 1991)
[...] um die Erwartungen und um die ungeschriebenen Regeln in Netzwerken. Gemeinschaftlich betrachtet die Rückkehr der kleinen Netze von Kai-Uwe-Hellmann. Auch in dieser Hinsicht ist Wim-OWL ein gutes praktisches [...]