Communities as Swarms?
21. Januar 2008 von Dr. Kai-Uwe Hellmann
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Am 13. Januar 2008 erschien von Patrick Bernau in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein Beitrag mit dem Titel “Ich zeige alles von mir”.
Im Begleittext heißt es dazu:
Name, Beruf, Hobbys. Die Menschen geben in Online-Gemeinschaften einfach alles preis. Die Werbeindustrie freut sich. Und kaum einer regt sich auf.”
Im Beitrag selbst heißt es dann weiter:
Ein virtueller Exhibitionismus breitet sich aus. Menschen posaunen Intimitäten in die Welt hinaus, über die der Durchschnittsdeutsche vor einigen Jahren höchstens mit einem guten Bekannten gesprochen hätte - nachdem er ihm ein Schweigegelübde abgenommen hat. Jetzt kommen die Begebenheiten ins Netz, nachlesbar für jedermann: Geschwister und Eltern, Kollegen und Chefs. Die Menschen scheinen vergessen zu haben, dass die ganze Welt ihnen zusehen kann. Sie benehmen sich nach einer Zeit im StudiVZ, als handele es hier um ihre Privatsphäre. Dass beispielsweise Grüßen im StudiVZ “Gruscheln” heißt, erweckt schließlich auch den Anschein von Intimität.”
Als Grund für dieses Verhalten wird angeführt, daß Menschen ihre Daten gerne preisgeben, gar verkaufen, wenn sie das freiwillig tun können und dafür etwas bekommen. Dies mag durchaus der Fall sein. Aber gibt es nicht auch Alternativen zur Erklärung dieses Verhaltens?
Könnte es nicht auch sein, daß diejenige, die ihre Intimitäten in der Öffentlichkeit derart schamlos ausbreiten, gar keine Durchschnittsdeutsche mehr sind, weil es sich für sie gar nicht mehr um Intimitäten der alten Lesart handelt? Möglicherweise ist die Leitdifferenz von Privatheit und Öffentlichkeit für diese Leute ja längst kollabiert, so daß sie gar nicht mehr unterscheiden (können) zwischen intim und nicht intim? Demnach wäre unser Blick auf solche Verhältnisse inzwischen hoffnungslos altmodisch geworden, unsere Irritation, Pikiertheit, Betroffenheit nur Ausdruck einer vergangenen Ära?
Daß sich die Konstitution unser Psyche, die Identität unserer Persönlichkeit wieder ändern könnte, hat Michel Foucault schon 1966 in “Die Ordnung der Dinge” in Erwägung gezogen:
Der Mensch ist eine Erfindung, deren junges Datum die Archäologie unseres Denkens ganz offen zeigt. Vielleicht auch das baldige Ende.”
Und wenn man den soziologisch-philosophischen Überlegungen folgt, die Peter Fuchs in seinem neuen Buch “Das Maß aller Dinge” anstellt, dann haben wir es längst mit der “Listenförmigkeit des Menschen” zu tun, für den es Identität, alteuropäisch, in der Tradition der Moderne stehend, nicht mehr gibt, damit aber auch die Unterscheidung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ihre Plausibilität, ihre Anschlußfähigkeit verliert, kurzum obsolet, entbehrlich wird, und das Öffentlichmachen dessen, was bei Bernau noch “Intimitäten” genannt wird, schlichtweg nicht mehr dasselbe bedeutet wie bisher.
Was aber folgt darauf? Der schamlose Mensch? Der Mensch ohne Intimitäten, um Musil leicht abzuwandeln?
Vielleicht paßt hierauf, was Eric Bonabeau und Christopher Meyer vor einigen Jahren “Swarm Intelligence” genannt haben. Demnach nähern wir uns immer mehr dem an, was wir im Reich der Insekten, der Schwarmtiere beobachten können. Betrachtet man jedes einzelne Individuum, wird man ihm Individualität nicht absprechen wollen. Betrachtet man hingegen die Einbettung jedes Individuums in ein soziales Netzwerk, die kollektive Koordination dessen, was jedes einzelne Mitglied tut, verliert das Einzelsubjekt zusehends an Individualität und wird zum Symptom einer kollektiven Intelligenz.
In der Mode ist dies übrigens (seit Georg Simmel) längst der Fall.
Vor diesem Hintergrund könnte die Frage aufgeworfen werden, ob und inwieweit sich nicht auch “The Next Generation of Communities” als Schwärme beschreiben lassen, wenngleich animalische Schwärme in ihrer Gesamtheit, aufgrund der Gattungsgrenzen, möglicherweise noch viel exklusiver agieren als dies für heutige Communities 2.O. der Fall ist. Dies wird zu prüfen sein.
In jedem Fall scheint es nicht mehr allzu abwegig zu sein, wenn man davon spricht, “daß der Mensch verschwindet wie im Meeresufer ein Gesicht im Sand.” Und was dann, mit der nächsten Welle, als neue Form auftaucht, mag durchaus dem ähneln, was Bonabeau und Meyer “Swarm Intelligence” genannt haben, andere “Swarm Creativity” - primär bezogen auf Isomorphien zwischen Tierreich und Computerwelt wohlbemerkt…
…doch schließt das eine Übertragbarkeit auf Märkte keineswegs aus.
(Die beiden Literaturangaben sind Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1988 und Peter Fuchs: Das Maß aller Dinge. Eine Abhandlung zur Metaphysik des Menschen. Weilerswist: Velbrück 2007.)
Ich bin bei allem vollkommen bei Ihnen. Nur eine kleine Anmerkung erlauben Sie mir bitte: Die Schwarmforschung/Verhaltensforschung sieht Schwärme als Zusammenschluss von identischen Individuen. Alle sind im Schwarm gleichberechtigt.
In einer virtuellen Gemeinschaft treten soziale Rollen auf, die oftmals auch nicht gleichberechtigt sind. Der Plattform-Betreiber, der Moderator, der Experte, der Neuling unterscheiden sich maßgeblich. Darum muss ich davon ausgehen, dass eine virtuelle Gemeinschaft kein Schwarm ist.
Allerdings kann aus einer virtuellen Gemeinschaft ein Schwarm entstehen, wenn die Plattform Sie bezüglich einer Verhaltensweise gleich macht. (z.B. Bewertung eines Artikels mit Punkten) Dann werden Sie vorübergehend zum Schwarm und Schwarmphänomene treten auf.
Soviel zur Ergänzung.
Viele Grüße
Marc Trömel
Danke für Ihre Anmerkung, Marc Trömel. Entscheidend ist ja offenbar, wie die Schwarmforschung Schwärme definiert: als Menge oder Medium gleichartiger, unterschiedsloser, möglicherweise sogar gleichberechtigter Elemente, die sich im Sinne Durkheims auf der Basis mechanischer Solidarität verhalten.
Nur: Ist dieses Verständnis von Schwärmen - mutatis mutandis - nicht auch auf Menschenmassen übertragbar, man denke nur an Freud oder Le Bon? Also inklusive einer rudimentären Rollendifferenzierung? Nach dem Prinzip Führer und Gefolgschaft? Inwieweit läßt sich die Logik von Schwärmen (nicht) übertragen auf die Mobilisierung von Menschen? Gruß Hellmann
Lieber Herr Hellmann,
das Thema der Commercial Communities im Verhältnis zur Schwarm Intelligenz interessiert mich als praxisorientierte Metapher sehr. Ohne Zweifel sind große Ansammlungen von Individuen nicht als Schwärme organisiert. Doch in engen Bereichen computerunterstützter Vergesellschaftung kann es sehr produktiv sein, die Logik von Schwärmen zu nutzen. Ohne beispielsweise das Phänomen von Wikipedia oder der Blogs vollständig zu erklären, möchte ich behaupten, dass es sehr hilfreich für die Wikipedianer bzw. Blogger war, folgende Logik der Schwärme zu organisieren.
Die Regeln der Schwarm-Intelligenz sind folgende:
1. Bewege dich in etwa dieselbe Richtung wie deine Nachbarn
2. Bewege dich in Richtung des Mittelpunktes derer, die du in deinem Umfeld siehst
3. Bewege dich weg, sobald dir jemand zu nahe kommt
Doch selbst wenn diese Regeln der Schwarm-Intelligenz einen Aspekt computerunterstützter Kommunikation und individueller Selbstdarstellung beleuchten, ist die Organisationsform von beispielsweise Bloggern und Wikipedianern nicht vollständig erklärt. Zu erkennen ist allerdings, dass Schwarm-Intelligenz weitgehend ohne Führer und Gefolgschaft auskommen will und allenfalls temporär auf jene Unterscheidung zurückgreift.
So kurz, so ungenügend,
aber mit vollständigen Grüßen
Andreas Schelske
Danke für Ihre Erläuterungen, Andreas Schelske.
Ich “hänge” mich mal an Ihrem “weitgehend” auf: Mit Sicherheit sollte das Moment der Selbstorganisation von Massenmobilisierung, bei der die Funktion eines Führers nur sporadisch zum Tragen kommt und ansonsten vernachlässigt werden kann, nicht unterschätzt werden. Gleichwohl bleibt die Koordination kollektiven Handelns ein Phänomen, das allein durch tierschwarmspezifische Formen der Kommunikation vielleicht nicht ausreichend erklärt werden kann, Stichwort Instinktarmut des “zoon politikon”.
Darüber hinaus fällt mir in diesem Zusammenhang der Text “Sozialer Raum und ‘Klassen’” von Pierre Bourdieu ein, in dem er sich u.a. ja mit dem Problem des Umschlags einer “Klasse an sich” in eine “Klasse für sich” befaßt, um mit Marx zu sprechen. Zum Ende dieses Essays heißt es: “Existent ist eine Klasse nur in dem Maße, in dem Mandatsträger mit der plena potentia agendi ermächtigt sind und sich ermächtigt fühlen, in ihrem Namen zu sprechen”, eine Überlegung, die sicher auch die Ausführungen Webers zum Begriff des Charisma mit im Blick hat.
Schwarmfähigkeit heißt für mich streng gefaßt kollektive Handlungsfähigkeit, heißt Einheit in der Vielheit, heißt koordiniertes Vorgehen, und dabei ist die Zeitdimension, die Frage der Dauer keineswegs sekundär. Wie aber funktioniert die Koordination, wenn niemand koordinierend interveniert? Ist es wie bei der Mode, gleichsam ein Massenphänomen, in der die Not des je einzelnen, sich zugleich unterscheiden zu müssen, ohne völlig zu vereinsamen, dazu führt, daß alle das gleiche tun, auf je minimalistisch variierende Art und Weise, die Illusion von Individualität notdürftig bewahrend?
Lieber Herr Hellmann,
selbstverständlich kann ich Ihre Fragen nicht alle abschließend beantworten. Doch ein Merkmal der Schwarm-Intelligenz möchte ich hier noch anbringen. Für diejenigen, die in Schwarm-Intelligenz handeln, ist die Masse, das Kollektiv, die vielen Führer bzw. die gemeinsame Koordination nicht beobachtbar, da ein Teilnehmer das Ganze (die Vielheit) nicht in den Blick bekommt. Die Koordination funktioniert nach obengenannten Regeln, ohne dass jemand das Ganze koordiniert. Aber wie gesagt: Schwarm-Intelligenz ist ein schmales Konzept, um (in meinem Sinne) wichtige Aspekte auf Konsumgütermärkten zu markieren, sie ist selbstredend keine ausreichende Gesellschaftstheorie für Massenphänomene.
Beste Grüße
Andreas Schelske
Kurze Nachfrage noch, Herr Schelske: Ihre drei Regeln sind im Imperativ (normativ) formuliert, oder nicht?
1. Bewege dich in etwa dieselbe Richtung wie deine Nachbarn
2. Bewege dich in Richtung des Mittelpunktes derer, die du in deinem Umfeld siehst
3. Bewege dich weg, sobald dir jemand zu nahe kommt
Von wem geht diese imperative, also befehlende, sein-sollende Struktur aus? Wer sagt: “Bewege dich…”? Wenn es kein Führer ist, ob real oder imaginativ, gewissermaßen als abgesunkenes Kulturgut, ist es dann eine Art Über-Ich im Sinne Freuds? Doch das wäre auch nur Implantat der Gesellschaft, also eine Art Sozialisationseffekt, krumm gesprochen: ein Kulturgen, mit der gottgleichen Gesellschaft als Demiurg und Imperator…
Lieber Herr Hellmann,
die drei Regeln entstammen der Informatik, genauer der KI, um Schwarmverhalten in Rechnermodellen zu simulieren. Solche Handlungsanweisungen (d.h. Algorithmen) sind selbstverständlich menschengemacht, insofern können sie als eine bewußte oder unbewußte Handlungsstrategie eingesetzt werden. Eine Gruppe könnte sich selbst so eine Handlungsanweisung auferlegen, ihr beständig folgen und problemlos auf einen solitären Befehlsgeber verzichten. Aber wie gesagt, ich spreche hier von einem illustrativen Modell, das nicht geeignet ist, es mit der Freudschen Theorie, einem Kulturgen oder gar mit Gott auch nur im entferntesten aufzunehmen.
Beste Grüße
Andreas Schelske
Sprachspielereien sind ja erlaubt. In der Sache bleibt für mich die Frage: Wie weit trägt die Analogie zwischen Communities und Swarms? Und zwar unter der fürs Fach zentralen Fragestellung: Wie ist soziale Ordnung möglich? Gemünzt auf unseren Fall: Wie ist eine Community möglich? Oder anders formuliert: Ab wann wird aus einer zufälligen Übereinstimmung dessen, was viele tun, aber unkoordiniert, mit dem, was wir unter einer Community verstehen, nämlich koordiniertes kollektives Verhalten vieler, eine solche, die sich auf real existierende Communities bezieht und durch Swarm Intelligence erklärt werden kann?
Für mich erscheint animalisches Schwarmverhalten bislang noch etwas anderes zu sein als das kollektiv einheitliche Verhalten vieler Personen, typisch für soziale Bewegungen in ihrer Hochphase. Inwieweit können die Entscheidungen von Schwarmmitgliedern, falls es denn Entscheidungen sind, verglichen werden mit dem, was eine soziale Bewegung in Bewegung hält? Gibt es Unterschiede, und wenn ja, welche? Oder sinkt kollektives Verhalten von Personen auf das Niveau von Tierschwärmen ab, weil wir keine signifikanten Unterschiede identifizieren können?
2002 erörtert Howard Rheingold im siebten Kapitel von “Smart Mobs” Forschungsarbeiten über “mobile networks”, “swarm intelligence and the social mind”. Hierzu schreibt Rheingold wiederum: “At this point, connections between the behavior of smart mobs and the behavior of swarm systems must be tentative, yet several of the earliest investigations have shown that the right kinds of online social networks know more than the sum of the parts: Connected and communicating in the right ways, populations of humans can exhibit a kind of ‘collective intelligence’.” Die sum/part-Formulierung geht übrigens schon auf Aristoteles zurück.
[...] halten, nun auf, ergeben sich gewisse Parallelen zu dem, was Andreas Schelske neulich in einem Kommentar über “Swarm Intelligence” geschrieben hat: Die Regeln der Schwarm-Intelligenz sind [...]