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1924 veröffentlichte Helmuth Plessner eine kleine Schrift mit dem schlichten Titel „Grenzen der Gemeinschaft“.
Wie der Untertitel „Eine Kritik des sozialen Radikalismus“ schon darlegt, geht es darin um die kritische Auseinandersetzung mit einer politisch-philosophischen Bewegung Anfang der 1920er Jahre, diesen unruhigen, turbulenten und teilweise brandgefährlichen Geburtsjahren der nur kurz währenden Weimarer Republik.
Der Begriff der Gemeinschaft besaß für die Anhänger dieses sozialen Radikalismus einen besonderen Reiz, stand er doch für allerhöchste Innigkeit des Miteinander, für grenzenlose Offenheit, das Beiseiteschieben alles Gesellschaftlich-Zivilisatorischen, ein Wegtauchen des Individuums im Ozean des Kollektivs, die völlige Verschmelzung von Geist, Körper, Seele im Rausch der Masse, reinste Zivilisationskritik: „Los von der Zivilisation, empor zur Gemeinschaft.“
Gemeinschaft bedeutet ihren Verfechtern den Inbegriff lebendiger, unmittelbarer, vom Sein und Wollen der Personen her gerechtfertigter Beziehungen zwischen Menschen. Echtheit und Rückhaltlosigkeit sind ihre wesentlichen Merkmale, Gebundenheit aus gemeinsamer Quelle des Blutes zunächst ihre einheitsstiftende Idee.“
Dabei richtet sich diese Form des sozialen Radikalismus gegen Status der quo der Gesellschaft, ihre Rationalität, Instrumentalität, Bürokratität, die uns immer gleich in mehrfacher Ausführung begegnen, als Ausdruck funktionaler Differenzierung – mit all den Folgen, die wir erst heute allmählich überblicken. Gegen diese Form der Gesellschaft kämpft der soziale Radikalismus, und er tut dies antithetisch:
Maßlose Erkaltung der menschlichen Beziehungen durch maschinelle, geschäftliche politische Abstraktionen bedingt maßlosen Gegenentwurf im Ideal einer glühenden, in allen ihren Trägern überquellenden Gemeinschaft. Die Rechenhaftigkeit, der brutalen Geschäftemacherei entspricht im Gegenbild die Seligkeit besinnungslosen Sichverschenkens, der mißtrauischen Zerklüftung in gepanzerte Staaten der Weltbund der Völker zur Wahrung ewigen Friedens.“
Sozialer Radikalismus ist daher die Opposition gegen das Bestehende, insofern als es immer einen gewissen Ausgleich zwischen den widerstreitenden Kräften der menschlichen Natur einschließt und den Gesetzen der Verwirklichung, dem Zwange des Möglichen gehorcht. Seine These ist Rückhaltlosigkeit, seine Perspektive Unendlichkeit, sein Pathos Enthusiasmus, sein Temperament Glut. Er ist die geborene Weltanschauung der Ungeduldigen, soziologisch: der unteren Klassen, biologisch: der Jugend.“
Die semantische Logik des sozialen Radikalismus ist binär codiert: A/Nicht-A. Alles, was da ist, wird abgelehnt und soll durch sein Gegenteil ersetzt werden. Nicht Gesellschaft, sondern Gemeinschaft!
Radikalismus heißt Dualismus. Nur Zwiespalt rechtfertigt Schroffheit, nur Widerstand Angriffshaltung. Bereitet das Bestehende und Gegebene Widerstand, so wird das Prinzip des Angreifers dem Gegebenen überlegen sein müssen, an Güte, Dauer und Kraft. Ist das Bestehende Kompromiß, Vermittlung, Mischung, so wird das Angreifende lauter, einseitig, unvermittelt sein, bedeutet das Gegebene Anpassung an das jeweils Mögliche, so fordert es das ewig Unmögliche zum Kampf heraus.“
Plessners Kritik an dieser Programmatik des sozialen Radikalismus richtete sich nun darauf, die Kosten zu bedenken, die ein solcher Gemeinschafts- statt Gesellschaftsentwurf mit sich bringt. Denn der soziale Radikalismus fordert radikale moralisch-ethische Konsequenzen, die die Grundfesten der modernen Gesellschaft erschüttern, durch die er erst seine Legitimation gewinnt − insofern ist diese proklamierte Anti-Moderne letztlich ein Produkt der Moderne, endogen erzeugt.
Vor diesem Hintergrund kann die Parole „Das Idol dieses Zeitalters ist die Gemeinschaft“ als ein Aufruf zum Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung entschlüsselt werden. Es geht um den Niedergang dessen, was Moderne auszeichnet, und das Endziel dieser Revolution ist die Vernichtung des Individuums – denn „alle Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft bedeuten letztlich die Aufhebung der Intimsphäre der Person“, und ohne Intimsphäre, ohne Privatheit wird man zur bloßen Zählfigur, zu einem Mitläufer im Schwarm von Milliarden Anonymen.
Insofern beleuchtet „Grenzen der Gemeinschaft“ die dunklen Seiten einer derartigen Gemeinschaftssehnsucht, das, was verloren geht und verloren gehen soll − jedoch ohne zu bedenken, ob es diesen Preis wert ist. Keine Distanz, kein Takt, kein Fürsichsein mehr, nur noch soziale Ursuppe.
Mehr als 80 Jahre später stellt sich nun der Eindruck eines Déjà vu ein: Fundamentalismus allerorten, häufig religiös motiviert, mitunter aber auch ganz profan, man denke nur an militante Raucher-Gegner, radikale Tierschützer oder den Kern der Straight Edge-Szene.
Wenn Geschichte sich dergestalt wiederholen sollte, was hat es dann zu bedeuten, daß die Rede von „Community“ und „Gemeinschaft“ eine solch immense Reproduktion erfährt? Ist es Leichtsinnigkeit oder gar bloß Ohnesinnigkeit, oder steckt mehr dahinter?
(Der Text von Helmuth Plessner: Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus. Frankfurt/M. 2002)