Where Do Communities Come From?
17. März 2008 von Dr. Kai-Uwe Hellmann
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1950 veröffentlichte David Riesman - mit Unterstützung durch Reuel Denney und Nathan Glazer - die äußerst wirkungsmächtige Studie “The Lonely Crowd”, in der es um die “Untersuchung der Wandlungen des amerikanischen Charakters” ging, wie der Untertitel der deutschen Übersetzung lautet.
Riesman et al. haben ihrer Studie eine Unterteilung in drei Charaktertypen zugrunde gelegt, die mit den Gesellschaftsformen korrelieren, in die sie jeweils eingebettet sind.
Der erste Charaktertyp ist der traditionale, vollständig von Traditionen geleitete Typus, wie er in vormodernen Gesellschaften vorherrscht.
Der zweite Charaktertyp ist der frühmoderne, vollständig durch innere Regeln geleitete Typus, wie er in Max Webers Studie “Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus” so prägnant herausgearbeitet wurde.
Der dritte Charaktertyp ist der hochmoderne Typus, dessen Verhalten vollständig durch Andere und deren Anerkennung angeleitet wird, weshalb Riesman et al. auch vom “other directed character” sprachen.
Dieser dritte Typus bestimmt die heutige Konsumwelt zahlenmäßig größtenteils, während die anderen beiden Typen zwar auch noch vorkommen, statistisch aber eher vernachlässigbar erscheinen.
Nimmt man diese Überlegung von Riesman et al., der zufolge sich das Verhalten eines “other directed character” primär danach richtet, was andere von einem halten, nun auf, ergeben sich gewisse Parallelen zu dem, was Andreas Schelske neulich in einem Kommentar über “Swarm Intelligence” geschrieben hat:
Die Regeln der Schwarm-Intelligenz sind folgende:
1. Bewege dich in etwa dieselbe Richtung wie deine Nachbarn
2. Bewege dich in Richtung des Mittelpunktes derer, die du in deinem Umfeld siehst
3. Bewege dich weg, sobald dir jemand zu nahe kommt”
Denn wenn jeder danach handelt, was andere von ihm erwarten, und diese Regel reziprok für alle gilt, handeln alle auf die gleiche Art und Weise, wie ein Schwarm Fische, die wie durch eine unsichtbare Hand gelenkt erscheinen, indem sie sich wechselseitig beeinflussen und steuern.
Es bleibt gleichwohl die Frage, wie dies gelingt.
Die Metapher der unsichtbaren Hand, die von Adam Smith stammt, leitet zu einem zweiten Aspekt über, der für die Klärung dieser Frage von Belang sein könnte.
Die “Invisible Hand”-Metapher findet sich in “The Wealth of Nations” und bezieht sich auf das Paradoxon, daß es trotz der vorherrschenden Haltung des Eigennutzes beim individuellen Handeln vieler am Ende doch zur Erreichung eines kollektiven Gutes kommt, nämlich dem Allgemeinwohl, und zwar durch die unsichtbare Hand des Marktes.
Ausgangspunkt ist das individuelle Gewinnstreben. Jeder einzelne strebt rein
nach eigenem Gewinn. [Doch] er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat… ja, gerade dadurch, daß er das eigene Interesse verfolgt, fördert er häufig das der Gesellschaft nachhaltiger, als wenn er wirklich beabsichtigt, es zu tun.”
Daß der Marktmechanismus klüger ist als die Summe der Marktteilnehmer, daß durch die wechselseitige Steuerung des Marktverhaltens vieler am Ende etwas herauskommt, was dem Kollektiv als solchem zu Gute kommt, ist nun eine Annahme, die auch von Friedrich A. von Hayek vertreten wurde, etwa in seinem Vortrag “Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren” von 1968.

Aufgrund der Komplexität moderner Märkte erscheint es von Hayek nämlich ausgeschlossen, daß vorherige Planung der Marktprozesse dazu ausreicht, optimale Lösungen für gegebene Probleme effizient zu produzieren. Vielmehr gilt es, das Auffinden solcher Lösungen der Wechselwirkung aller Akteure zu überlassen. Freilich braucht es dafür einen koordinierenden Mechanismus.
Als dieser Mechanismus fungiert die Preisbildung, weil durch die marktweite Abstimmung der Preise, die sich durch das ständige Austarieren von Angebot und Nachfrage ergibt, alle Beteiligten über ein einheitliches Informationssystem verfügen, das ihnen zur Orientierung dient und ihr Verhalten ganz danach ausrichtet, was wo für wieviel erhältlich ist.
Das Verhalten der Marktteilnehmer folgt somit der Preisentwicklung, und diese ergibt sich allein durch die Wechselwirkung aller Beteiligten, und dies in einem fort - zirkuläre Kausalität, ohne Eingriff von außen.
Ihre Aufmerksamkeit wird von den Preisen gelenkt, die der Markt für die verschiedenen Güter und Dienste bietet.”
Wenn jetzt die Frage wieder aufgenommen wird, wie die Konstitution von Communities von statten geht, könnte dieser Marktmechanismus, d.h. die Koordination kollektiven Verhaltens durch Preise, möglicherweise übertragen werden, indem der Zahlenfetischismus, wie er ja schon zur Sprache kam, so gedeutet wird, daß sich das Verhalten vieler Internet-Teilnehmer danach richtet, wo die meisten User-Zahlen bekannt gemacht werden. Basis dafür ist der dritte Charaktertyp von Riesman et al., der “other directed character”, dessen Verhalten allein darauf bezogen ist, was andere von einem halten und erwarten.
Das geringste Risiko für einen solchen Typus besteht dann darin, daß zu tun, was alle tun, sich also dorthin zu wenden, wo alle andere sich befinden oder gerade hinbewegen, und dieser “Ort” wird sichtbar, indem er die vergleichsweise höchste Zahl an Beteiligten für sich reklamiert. Inhalte sind dabei völlig sekundär, wenn nicht irrelevant, weil allein die Zahlenhöhe das Ausmaß der aktuellen Nachfrage signalisiert, und je mehr man sein Verhalten an solchen Zahlen ausrichtet, desto geringer ist das Risiko, etwas zu tun, was die Anerkennung durch andere gefährdet.
So sehr also das Argument des Zahlenfetischismus darauf zielt, den bloß strategischen Einsatz solcher Zahlen zu desavourieren, so sehr könnte genau dieser Zahlenfetischismus als Erklärung für die Netznomaden, d.h. die Bewegung der Webbewohner im Netz dienen. Die Ermittlung von User-Zahlen ist demnach ein funktionales Äquivalent für die Preisbildung, weil Zahlen auf unvergleichbare Art und Weise Übersicht und Orientierung stiften, auch auf das Risiko hin, daß sie ganz und gar an der Oberfläche bleiben und über die Tiefenstruktur dessen, wofür sie stehen, nichts preis geben. Dies mag nicht jeden zufrieden stellen, für den “other directed character” ist es allemal genug, um zu wissen, was zu tun ist.
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Die wechselseitige Beobachtung der Netznomaden daraufhin, was jeder gerade tut, unterstützt durch den Wettbewerb der Userzahlen als basalem Koordinierungsmechanismus, läßt sich übrigens mit Harrison C. Whites Verständnis von Märkten ganz gut verbinden.
Dessen Definition von Märkten in seinem 1981er Aufsatz “Where Do Markets Come From?” lautete:
Markets are self-reproducing social structures among specific cliques of firms and other actors who evolve roles from observations of each other’s behavior. I argue that the key fact is that producers watch each other within a market.“
White versteht Märkte demnach als ein (Neben-)Produkt der wechselseitigen Beobachtung von Unternehmen, welche die gleiche Sach- oder Dienstleistung bei unterschiedlicher Qualität und Menge anbieten.
Übrigens geht White explizit davon aus, daß für die Konstitution eines Marktes nur die Produzenten eine sichtbare Rolle spielten:
„Markets are not defined by a set of buyers, as some of our habits of speech suggest, nor are the producers obsessed with speculations on an amorphous demand. I insist that what a firm does in a market is to watch the competition in terms of observables.”
Dabei liegt der Grund dafür, weshalb White Konsumenten von der Marktkonstitution ausschließt, im Verständnis dessen, was White mit „observables” bezeichnet. Beobachtbar sind White zufolge nämlich nur Absatzmengen und Zahlungen, nicht jedoch die Qualität der Produkte, die ausschließlich „in the eye of the beholder“ liege, und deren Bewertung durch die Konsumenten:
Firms can observe only volumes and payments, not qualities or their valuations, and they act on the basis of these observations, thereby reproducing the observations.”
Wenn man jedoch davon ausgeht, daß sich die Konstitution sogenannter Communities im Internet wesentlich auf Userzahlen (”volumes”) und ggf. noch auf Zahlungsströme (”payments”) zurückführen läßt, könnte das White’sche Marktverständnis ohne weiteres auf die “communities markets” übertragen werden, aufbauend auf den gleichen Prinzipien wie bei den “producers markets” Whites.
Schöner Beitrag! Beim Zahlenfetischismus geht meine Deutung eher in die Richtung, dass man z.B. providerseitig Hierarchien auch dort zu schaffen versucht, wo offiziell gern kommuniziert wird, es gebe keine Hierarchien und die Teilnehmer seien nur über Netzwerkbeziehungen verbunden: z.B. Xing/OpenBC Nutzer, die zwischen ‘normal’ und ‘premium’ Account wählen können (Aspekt der Freiwilligkeit), danach ihre Nutzerrechte (bzw. Einschränkungen) zugewiesen bekommen und den Grad ihrer Aktivität auf der jeweiligen Plattform angezeigt bekommen. So schafft man schöne Anreize, um den Kunden zum Arbeiten zu bewegen und in die Richtung des aus Providersicht wünschenswerten Verhaltens zu steuern.
Dein Vorschlag “Hierarchiebildung” leuchtet mir sehr ein, Tina, das ist fast ein Veblen-Effekt, den Du damit anpeilst.
Nur lebt die Außenwirkung einer Plattform wohl weniger durch solche Binnenhierarchisierung allein, deren Reiz sich erst dem erschließt, der einer solchen Plattform grundsätzlich schon verfallen ist, und dieses vorgängige Verführungsmoment rechne ich nun den großen Zahlen, gewissermaßen der Magie des User-Zahlen-Rankings zu: Der “Schwarm” wendet sich zunächst dahin, wo am meisten Futter (Action, Reputation etc.) winkt, wie bei der Länge einer Menschenschlange vor einer gefragten Diskothek, und betreibt dann Binnendifferenzierung durch die Einrichtung ebenenförmiger Statusränge (Status-Stratifikation). So wird das Verhältnis von Inklusion und Integration gestaltet, soweit man nur die These der großen Zahlen gelten läßt.
Nehmen wir an, wir stellen uns beim nächsten Diskobesuch vor den Laden mit der längsten Schlange, dem dicksten Türsteher und dem höchsten Eintrittspreis, um mit verbessertem Status davon zu profitieren, Einlass erhalten zu haben. Das nützt doch dem Provider wenig, wenn in der Disko die Tanzfläche leer bleibt und die Leute über schlechte Musik und miese Drinks maulen. Also ist ja der Schlüssel zur Lösung, eine kritische Masse zur gewünschten Aktivität in der Disko zu bewegen, und der ‘first mover’ ist aus Sicht des Diskobesitzers die größte Hürde. Und hier kommt ja Hierarchie / Statusdifferenzierung ins Spiel, wenn es dem Diskobesitzer gelingt zu kommunizieren, dass ein höherer Status innerhalb der Community (und nicht ‘nur’ ein materieller Preis) eine Belohnung darstellt, um die die Diskobesucher konkurrieren. Und dann findet das Nachahmer, auch wenn keine Belohnung mehr winkt, oder?
Ich denke, keine solche Schlange kommt durch reine Selbstreferenz zustande, es braucht einen Außenbezug, ein Ereignis, einen Vorgang jenseits der Emergenz dieses Schlangensystems, das einen hinreichend attraktiven Grund darbietet, weshalb man sich dieser Mühe des Schlangestehens aussetzen sollte. Ein Schwindel, eine drastische Erwartungsenttäuschung würden ja innerhalb kürzester Zeit auffliegen und bekannt werden, noch am selben Abend vielleicht, während der Aufbau eines solchen Systems (die längste Schlange in der Stadt) sich vermutlich über Tage und Wochen hinzieht.
Von daher ist davon auszugehen, daß dem Anwachsen einer solchen Schlange schon etwas vorausgehen muß, oder es muß zumindest zirkuläre Kausalität vorliegen, was sich auch auf das Innenleben der Diskothek bezieht und sicher damit zu tun hat, was Du anführst: keine leere Tanzfläche, keine schlechte Musik, keine miesen Drinks - und möglicherweise auch eine entsprechende Binnenhierarchisierung. Doch was ist die Henne, was das Ei?
Hinzu kommt: Es gibt schon Involvierte und noch nicht Involvierte. Du beziehst Dich meines Erachtens auf die schon Involvierten, die Bescheid wissen, oder wie Ahlemeyer es ausgedrückt hat: auf die Mobilisierten mit Selbstbindung, während mich vielmehr die noch nicht Mobilisierten ohne Selbstbindung interessieren, die allein durch Beobachtung und Vergleich der Längen der jeweiligen Schlangen entscheiden, welcher sie sich anschließen möchten, ohne den Laden je von innen gesehen zu haben, einfach nur aufgrund der Unterstellung, daß alle, die in der längsten Schlange stehen, hinreichend gute Gründe dafür haben, sich dieser Mühe auszusetzen, weil das, was dann kommt, es allemal lohnt - und daraus entsteht dann möglicherweise selffulfilling prophecy, gewissermaßen positive Massenpanik, Sommerschlußverkauf im Unterhaltungssektor.
… und da habe ich zu früh abgeschickt: So einleuchtend die Thesen zum Schwarm-Effekt erst einmal erscheinen, bleiben Aspekte jenseits der Zahlen und Statistiken unberücksichtigt. Kommt es nicht auch darauf an, dass die Diskobesucher bzw. Community-Nutzer irgendetwas gemeinsam haben? Dass die Leistungen des Providers für die Mitglieder stimmen? Dass die Regeln fair sind und der Provider verlässlich ist? Viele sind ja im Internet der Magie der Zahlen erlegen, aber es gibt ja auch noch inhaltliche Aspekte, und das kommt doch dann an späterer Stelle zum Tragen, nicht wahr?
Grundsätzlich würde ich Dir zustimmen: Zahlen allein sind völlig unterkomplex, ihr Informationsgehalt ist rein formaler Natur: größer oder kleiner.
Angesichts einer Situation, die an Komplexität kaum mehr zu überbieten ist, könnten sich aber gerade Zahlen und die vermehrte Orientierung an ihnen als hochfunktionale Option zur Reduktion von Komplexität ergeben, nicht zu toppen durch sonst irgendwas, somit nicht-kontingent, wenn es um die Radikalität und Geschwindigkeit dieser Art von Komplexitätsreduktion geht.
Ausgangspunkt war ja die Preisfunktion, auch hier grandiose Komplexitätsreduktion, auf Grund der Annahme, daß es gelingen könne, Preise als zuverlässige Indikatoren für die jeweilige Produktqualität zu deuten. Falls das jedoch mißlingt, sind Preise kein angemessenes Verkehrsleitsystem der Wirtschaft mehr, und ein gleiches müßte man dann für den Markt der Unterhaltung in Rechnung stellen.
… ja gut, darauf können wir uns einigen. Das rein formale, auf große Zahlen und rein strategische Überlegungen reduzierte Projekt der ‘längsten Schlange der Stadt’ wäre zum Scheitern verurteilt. Das Henne-Ei-Problem ist mit einseitigen Kausalbeziehungen wohl kaum lösbar, aber man könnte ja eine Bestimmung des Verhältnisses von Form und Inhalt machen. Was die Leute in Communities hineinzieht, z.B. Nutzen, eine Zielsetzung, ein Gemeinschaftsgefühl und faire Nutzungsbedingungen oder gemeinsam geteilte Überzeugungen oder alle vier Elemente zusammen. Der Effekt wird sich verstärken, wenn mehr Teilnehmer hinzukommen, Aktivität in der gewünschten Richtung zeigen und sich gegenseitig erzählen, wie toll das alles ist. Der Provider würde alles tun, um dieser Dynamik auf die Sprünge zu helfen und organisiert die Nutzerrechte so, dass das Statusgefälle weiter verstärkt wird. Außerdem: Ein bisschen Täuschung lässt eine funktionierende Community nicht zusammenbrechen, außer es geht so drastisch zu wie im obigen Beispiel. Auch werden Provider viel tun, um möglichst an der Schmerzgrenze zu operieren, bei der die Nutzer vielleicht gerade noch dabei bleiben.
Das Durcheinander der Kommentarabfolge hat wohl mit Gleichzeitigkeit zu tun. Kommentar 5 gehörte noch zu Nr. 3 und Kommentar 7 war die Antwort auf Nr. 4. Schönen Abend!
[...] die Anzahl der Klicks, die ein Onlineartikel auf sich vereinigen kann. Denn das, was schon unter Zahlenfetischismus diskutiert wurde, trifft auch für den Online Journalismus [...]