Jedes Jahr Ende November setzt sich weltweit eine Prozession in Gang, die für die kommenden vier bis fünf Wochen ein fest ritualisiertes Prozedere abspult. Es handelt sich hierbei um die Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest, die mehrheitlich in den Händen von (Haus-)Frauen liegen, rein episodisch auftreten und von ihrem Mobilisierungscharakter her nahelegen, von einer „Weihnachtsbewegung“ zu sprechen.
Wie man nun aus der Bewegungsforschung weiß, erzeugen Bewegungen oftmals Gegenbewegungen, wenn der Mobilisierungsaufwand der Befürworter ein gewisses Maß übersteigt − so auch in diesem Falle.
Denn obgleich die Mehrzahl der Menschen sich der Aura dieses Festes weitgehend hingibt, nicht entziehen will, kann oder darf, gibt es jedes Jahr auch die Gegentendenz der Abkehr einiger weniger von diesen Aktivitäten und Festivitäten, die das, was im Rahmen einer solchen Mobilisierungskampagne als notwendig und unabwendbar propagiert wird, kategorisch zurückweisen und als Spießigkeit, Verschwendung und Heuchelei verurteilen. Dabei steht zu vermuten, daß auch diese Gegentendenz einer Art Gegenbewegung gleicht, die sich strikt in Opposition dazu verhält, was die „Weihnachtsbewegung“ an Aktivität und Aufmerksamkeit produziert.
Dabei könnte diese Gegenbewegung in dreierlei Hinsicht unterschieden werden: Erstens ist eine Anti-Weihnachtsbewegung, zweitens eine Anti-Weihnachtsbewegung, und drittens eine Anti-Weihnachtsbewegung.
Ferner könnte man diese „Anti-Weihnachtsbewegung“ systemtheoretisch anhand eines speziellen Kommunikationscodes beschreiben, der in Analogie zum System der Medizin strukturiert ist. Im medizinischen System wird die Kommunikation nämlich über den Code Gesundheit/Krankheit organisiert, wobei „Krankheit“ als Präferenzwert mit Anschlußfähigkeit fungiert, weil Ärzte sich primär auf Krankheiten konzentrieren, die es zu heilen gilt, während „Gesundheit“ kontraintuitiv nur der Reflexionswert mit der Funktion der Kontingenzreflexion ist, um aufzuzeigen, daß jede Krankheitsbehandlung Gesundheit zum Ziel haben sollte.
Übertragen auf die „Anti-Weihnachtsbewegung“, könnte man nun sagen, daß diese Bewegung mit der Leitdifferenz „Pro Weihnachten/Contra Weihnachten“ operiert, wobei „Contra Weihnachten“ als Präferenzwert mit Anschlußfähigkeit fungiert, weil es dieser Bewegung primär darum geht, alles abzulehnen und zurückzuweisen, was mit Weihnachten zu tun hat, während „Pro Weihnachten“ der Reflexionswert mit der Funktion der Rejektionsreflexion ist, weil dieser Wert, anders als beim medizinischen Code, nicht dazu dient, die Kommunikation und Aktivitäten der „Anti-Weihnachtsbewegung“ darauf positiv aus-, sondern negativ davon wegzurichten. Insofern ist die „Anti-Weihnachtsbewegung“ eine primär negative Bewegung, die ihre Kraft, Orientierung und Identität daraus bezieht, was sie ablehnt und zurückweist, während ihre positiven, bejahenden Seiten immer unter den Kauteln des „Anti“, des „Dagegen“ steht.
Das heißt auch: Die „Anti-Weihnachtsbewegung“ ist auf die „Weihnachtsbewegung“ parasitär bezogen, sie existiert und kann nur existieren, weil und solange sie sich von der Positivität „Weihnachtsbewegung“ im Sinne Michel Foucault negativ absetzt. Es handelt sich somit um ein Abhängigkeitsverhältnis, das nur für die „Anti-Weihnachtsbewegung“ so unmittelbar gilt. (Die Abhängigkeit und parasitäre Facette der Pro-Weihnachtsbewegung ist anderswo zu verorten.)
Ferner sei noch die Überlegung angesprochen, daß die Gegenmobilisierung der „Anti-Weihnachtsbewegung“ die Funktion der Selbstbestimmung und Selbsterhaltung erfüllt. Zu protestieren, zu mobilisieren bewirkt immer auch, daß sich die Betroffenen stärker als sonst aufeinander beziehen. Das soziale Band zwischen ihnen, normalerweise recht locker gehalten, wird festgezurrt, der Zusammenhalt gestärkt. Gemeinsame Treffen, Gespräche, Veranstaltungen führen dazu, daß man sich durch häufige Interaktionssequenzen wiederbegegnet, face to face, Gedanken und Gefühle austauscht, miteinander teilt, Expressivität erlebt und inszeniert und dadurch der kollektiven Identität der eigenen Bewegung auf nicht substituierbare Art und Weise bewußt wird. Auch dieser Aspekt sollte daher nicht ausgespart werden.
Was nun sicher interessant wäre, wäre die empirische Erforschung der tatsächlichen Beweggründe derjenigen, die eine solche Anti-Weihnachtsbewegung begründen, sich an ihr beteiligen oder mit ihr sympathisieren. Über eine Online-Befragung wäre dies sicher machbar. Nur wo findet sich dafür eine geeignete Plattform im Netz mit genug Traffic? In den USA herrscht kein Mangel an solchen, hier in Deutschland habe ich bislang keine gefunden. Kann mir hier jemand weiterhelfen?

Ich denke, für eine Online-Befragung müsste man bis Ende November warten, um die Bewegung in actu anzutreffen. Dann könnte man über die Blogosphäre sicher einen Onlinefragebogen lancieren. Ansonsten gibt es zu dem Thema viele Einträge in Blogs, Foren und auf Homepages, die man mit einem netnographischen Vorgehen auswerten könnte. Es wäre in der Tat spannend, ob es sich um eine echte Bewegung handelt, bzw. wie heterogen die Motive sind – also von der christlichen Forderung, Weihnachten in den Sommer zu verlegen, um dem Konsumstress zu entgehen und außerdem nicht das Fest des Sonnengottes mit dem Weihnachtsfest ineins fallen zu lassen (Manfred Lütz) bis hin zur „einfachen“ Protesthaltung, die sich genauso gegen den Osterhasen richtet. Der Gedanke der Abgrenzung von einer Positivität wäre auch auf Praxisebene interessant: ich vermute, dass es sich beim Weihnachten-nicht-feiern um eine Praxis handelt, die begründet, reflektiert und mit Inhalten gefüllt werden muss – eine Art un-celebrating christmas.
Was den Zeitpunkt betrifft, schätze ich das ähnlich ein, aber ich brauche die Ergebnisse Anfang August, um Ende August dann in Helsinki beim ESA-Consumption Research Network auch empirisch unterfüttert etwas vortragen zu können…
[...] und Motivlagen jener zu lancieren, die strikt gegen Weihnachten sind und sogar entsprechende Gegenaktionen [...]
Nochmals zu furukama alias Benedikt Köhler: Was ist zu tun, um eine netnographische Recherche nach Anti-Weinachsbeiträgen im Netz zu starten und das Material bis Ende August präsentabel zu machen?