2001 hat Barry Wellman, Professor in Toronto und ein Pionier der Community- Forschung, der sich schon früh dafür interessiert hat, “Communities” mit dem “Social Networks”-Ansatz zu analysieren, einen “Report to the Law Commission of Canada” erstellt, dem die Fragestellung “The Persistence and Transformation of Community: From Neigbourhood Groups to Social Networks” zu Grunde lag.
Ausgangspunkt seines Berichtes ist die Feststellung, daß das herkömmliche Community-Konzept drei Kriterien umfaßte:
- Common locally, either in-person or online
- Interpersonal relationships of sociability, support and information, either in-person or online
- Common values, norms and interests, without necessarily interacting or being co-located
Genauer betrachtet, so Wellman, konzentriere sich das Selbstverständnis dieses Forschungsfeldes freilich darauf, “Communities” im Kern als “Neighbourhoods”, d.h. durch Nachbarschaft, durch räumliche Nähe konstituiert zu begreifen – und genau diese Annahme würde zukünftig nicht mehr tragen, weil die Mobilitätserfordernisse heutiger Gesellschaft zunehmend dafür sorgen, daß traditionelle Nachbarschaften aussterben, daß sich traditonelle Nachbarschaftstreffen nicht mehr etablieren können, wie auch Ray Oldenburg es in “The Great Good Place” festgestellt hat, und sich statt dessen neue Formen der Kontaktpflege und Gemeinschaftsbildung abzeichnen.
Wellmans Anliegen geht nun dahin, primär gegen die Kategorie der Räumlichkeit als konstitutivem Faktor von Gemeinschaftsbildung zu argumentieren, bis hin zu der Formulierung:
“Community became ‘liberated’ (Wellman 1979) from neighbourhood-centric thinking.”
Dies tut er in zweierlei Hinsicht: Zum einen bestehe nicht überall “Community”, wo man “Neighbourhood” antreffe, zum anderen veranlaßten die Mobilitätserfordernisse moderner Gesellschaft, daß sich die Menschen darauf einstellen und ggf. auch “Communities” bilden, die ohne räumliche Nähe auskommen müssen.
“Contemporary communities rarely are found only in neighbourhood, as long as one adopts a social definition of community and not a spatial one. This is because people usually obtain support, sociability, information and a sense of belonging from those who do not live within the same neighbourhood and often, not within their own metropolitan area. People maintain these community ties through phoning, writing, driving, railroading, transiting, and flying.”
Der erste Punkt ist zweifelsohne zutreffend, die Gemeinde-Studie von René König von 1958 hat dies hinlänglich deutlich gemacht. Und auch der zweite Punkt hat sicher viel für sich:
“Community interactions have moved inside the private home − where most entertaining, phone-calling and emailing take place − and away from chatting wit patrons in public spaces such as bars, street corners and coffee shops.”
Nur die Konsequenz dürfte hoch umstritten sein. Denn anzunehmen, die Pflege sozialer Kontakte wandere ins Private ab, bedeute zugleich, daß auch die Gemeinschaftsbildung diesem Trend folge, entbehrt, soweit es diesen Report betrifft, nahezu jeder empirischen Grundlage.
Schaut man sich nämlich an, welche Formen sozialer Beziehungen im Privatbereich gepflegt werden, wird offenbar, daß diese zwar Netzwerk-, mitnichten aber Gemeinschaftscharakter haben, da ihnen nahezu alles fehlt, was traditionelle “Communities” bislang ausgezeichnet hat.
“Western communities are rarely tightly-bounded, densely-knit groups of broadly-based ties. They are usually loosely-bounded, sparsely-knit, ramifying of specialized ties.”
Und kurz darauf heißt es sogar:
“Instead of total involvement in a single solidary community, the personal mobility and connectivity that are the hallmarks of the industrial and information ages have replace solidarity with partial specialized communities. People are members of multiple communities, each containing at most partially-overlapping sets of network members, interactions with network members are principally in duets, two couples, and informal get-togethers of friends and relatives. These are not simple, homogenous strictures but heterogeneous compositions and sparsely-knit structures.”
Abgekürzt formuliert, haben wir es hier also mit “dyads and small clusters” zu tun. Es sind lediglich “selective encounters singly or, in couples”, “Friends and relatives [which] get together as small sets of singles or couples, but rarely as communal groups”. Oder wie Wellman es auch sehr klar ausdrückt:
“Thus community ties have become private relationships that do not involve the local area.”
Was aber hat all das mit “Community” zu tun, sind es doch überwiegend Privatkontakte, wie es sie immer schon gab, die sich gewiß sehr gut als soziale Netzwerke beschreiben lassen – aber auch nicht mehr, und mit Sicherheit alles entbehren, was “Communities” je ausgezeichnet hat.
Insofern gleicht dieses Verfahren, solche ego- oder dyaden-zentrierten Netzwerke noch “Communities” zu nennen, einem reinen Nominalismus, ohne jede empirische Evidenz.
“Thus the privatization and domestication of relationships have transformed the nature of community. The nature and success of their friendships are being defined in domestic, women’s terms. Just as husbands and wives are more involved with each other at home, the focus of couples and male friends is on private, domestic relations.”
Vor diesem Hintergrund sind auch Wellmans Ansichten zu “computer-mediated communities” sehr kritisch zu bewerten. So heißt es bei ihm zutreffend:
“As social beings, those who use the internet seek not only information but also companionship, social support and a sense of belonging.”
Daraus jedoch die Schlußfolgerung zu ziehen, daß “The personalization, wireless portability and ubiquitous connectivity of the Internet all facilitate networked individualism as the basis of community”, ermangelt jedes überzeugenden Arguments.
Denn was am Ende lediglich übrig bleibt, ist diese Form des “networked individualism”, was völlig einleuchtend ist – wie daraus aber eine tragfähige “basis of community” entstehen soll, und weshalb man darauf beruhende Netzwerkstrukturen zwingend “Communities” nennen sollte, wird mit keinem Wort erörtert – und es ist wohl kaum mehr denn eine Schwundstufe, ein semantisches Relikt, eine Art Involution, mit der wir es hier zu tun haben, und die bis in die Forschung hineinreicht, die nur vorübergehend noch in Gebrauch ist, bis sich eine neue (empirische adäquate und wissenschaftlich valide) Selbstbeschreibung solcher “networked individualism” basierter Netzwerkstrukturen herausgebildet hat, die sich evolutionär, strukturell und semantisch strikt abgrenzen werden davon, was wir bis dahin noch so hilflos “Communities as social networks” nennen.
Unstrittig ist: Jede “Community” ist ein “social network”, dies gilt vice versa aber keineswegs.

[...] Hellmann nimmt ausführlich einen klassischen Text (pdf) von Barry Wellman, dem Pionier der Netzwerkanalyse, [...]
[...] Markeninstitut – Communities = Social Networks & vice versa? [...]
[...] Umstand wäre nun geeignet, die Irritation zu erklären, die sich daraus ergeben mag, daß Barry Wellman “private relationships” als “communities” bezeichnet. Denn wenn sich bei [...]
Sehr informativ – vielen Dank. Sowohl der Text von Wellman (den ich noch nicht kannte) als auch die Diskussion sind sehr hilfreich (btw., nachdrückliche Zustimmung, was die Notwendigkeit der Unterscheidung von Netzwerk und Community betrifft).